Interview mit Ivana Konstantinidis von Tuchliebe

IvanaViele Mütter kennen das: hochmotiviert kaufen sie sich ein Tragetuch für’s Baby und verzweifeln ganz schnell an diesen unhandlichen, meterlangen Stoffbahnen. Oft landet das nicht ganz billige Stück dann irgendwo hinten im Schrank. Das will die in München lebende junge Mutter Ivana Konstantinidis ändern. Tuchliebe – Liebe zum Tragen, unter diesem Titel bietet sie die Beratung in Sachen Tragemöglichkeiten an. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf Tücher, sondern auf sämtliche Tragehilfen, die der etwas unübersichtliche Markt so zu bieten hat. Angefangen bei der Auswahl über Bindetechniken bis hin zu modischen Fragen soll Tuchliebe alle Aspekte zum Thema abdecken. Wie das funktioniert, hat uns Ivana im Interview erzählt.

Viv: Hallo Ivana, wie bist Du auf die Idee gekommen, Trageberaterin zu werden?

Ivana: Meine beiden Töchter waren wie die meisten Babys insbesondere in den ersten Lebensmonaten sehr nähebedürftig und das Tragen hat mir Flexibilität und ausgeglichene Babys verschafft. Und abgesehen davon, dass sie beide keine großen Freunde vom Kinderwagen waren, hat es sich zudem richtig und selbstverständlich angefühlt sie bei mir zu tragen. Schon bevor die Idee entstand, mich zur Trageberaterin ausbilden zu lassen, habe ich vielen Freundinnen davon erzählt und sie ebenfalls auf das Babytragen gebracht. Schließlich meinte eine Freundin, der ich immer wieder von den vielfältigen Bindeweisen und den tollen Tragetüchern auf dem Markt schwärmte, dass das genau das richtige für mich sei und ich mit meiner Freude daran, sicher viele Mütter dafür begeistern kann. Es hat dann nicht mehr lange gedauert bis ich meine Ausbildung bei der Trageschule Hamburg absolviert habe und anfing, Eltern “offiziell” zu beraten.

Viv: Wie läuft so eine Beratung ab?

Ivana: Die meisten Eltern haben bereits ein mehrere Wochen altes Baby, das sich nicht ablegen lässt, viel weint, sehr unruhig ist etc. und wissen oft nicht mehr weiter.

Die Mehrheit davon hat sich auch bereits ein Tragetuch oder eine Tragehilfe angeschafft und kommt damit aber nicht zurecht oder fühlt sich unsicher. So kommen diese Eltern aber auch welche, die sich von vornherein für das Tragen entschieden haben und von Anfang an alles richtig machen wollen, auf mich zu. Wir vereinbaren einen Termin bei ihnen zu Hause oder in meinen eigenen vier Wänden und neben dem Hintergrundwissen rund ums Tragen, der richtigen Haltung vom Baby etc. zeige ich beim ersten Termin in der Regel ein bis zwei Bindeweisen, die auf die Situation und das Alter vom Kind am besten passen und gehe zudem wenn erwünscht auf die am besten geeigneten Tragehilfen ein.

Ich richte mich hierbei immer an die individuelle Situation und die Wünsche der Eltern. Beim Binden des Tuches oder Anlegen der Tragehilfe selbst zeige ich zunächst ein bis zwei Mal die einzelnen Schritte mit einer Tragepuppe und lasse die Eltern dann so lange mit der Puppe üben, bis sie sicher sind und sich trauen, das eigenen Baby entsprechend zu tragen. Dies geschieht üblicherweise ebenfalls mindestens ein bis zwei mal und spätestens dann sind die Eltern sicher im Umgang mit dem Tuch oder der Trage und glücklich, dass ihr Baby richtig drin sitzt und sich wohl fühlt. Im Nachhinein stehe ich für Fragen jederzeit zur Verfügung, die Eltern schicken mir Bilder von ihren Versuchen und fragen ob alles so gut sitzt oder kommen wenn notwendig zu einer Nachberatung, bei der wir alle noch offenen Unklarheiten klären und/oder neue Bindeweisen üben.

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Viv: Was bietest Du für Tragehilfen an?

Ivana: Da die Tragehilfen, die in den Baby Fachmärkten erhältlich sind ohnehin in den meisten Haushalten, in denen ich berate, vorhanden sind, besitze ich keine Manduca, Ergobaby Carrier und Co. Vielmehr habe ich Tragen im Sortiment, die ich persönlich ausgiebig getestet und für absolut empfehlenswert halte. Ich biete die MySol Tragehilfe an, von der die meisten Eltern sehr begeistert sind, die Fräulein Hübsch, die emeibaby mit den Ringen an den Seiten sowie den Buzzidil New Generation (beides Full Buckles), die Kokadi Tragehilfen, von denen die meisten Männer sehr angetan sind, verschiedene Wrap Conversions (HopTye, Didytai, Madame Jordan), den Onbu fürs Rückentragen von etwas älteren Kindern sowie den Boba Baby Carrier.

Viv: Wie hältst Du Dich auf dem Laufenden über neue Modelle und Produkte?

Ivana: Die meisten Updates bekomme ich direkt von den Herstellern über Newsletter, auf den jeweiligen Hersteller- oder Fanseiten oder diversen Gruppen auf Facebook, wo sich ein großer Teil des Marktes trifft und austauscht. Auf meiner Facebook Fanpage stelle ich ebenfalls in regelmäßigen Abständen Tipps, Informationen und Bilder rund um das Thema „Babytragen“ hoch. Zudem besuche ich in regelmäßigen Abständen Fortbildungen, wie zuletzt den Aufbaukurs der Trageschule Hamburg, bei dem neben speziellen Themen wie das Tragen von Frühchen, Schwangerenbindeweisen etc. ebenfalls diverse neue Modelle an Tragehilfen vorgestellt wurden.

Viv: Arbeitest Du mit den Herstellern von Tragehilfen zusammen?

Ivana: Ich arbeite mit keinem Hersteller der Tragehilfen direkt zusammen sondern berate herstellerunabhängig. Auch wenn bspw. die MySol mein persönlicher Favorit für das Tragen von den ganz Kleinen ist, passt sie nicht jedem Elternpaar gleich und je nach Situation, Tragegefühl und auch Geschmack stelle ich den Kunden immer alle passenden Tragehilfen vor und sie entscheiden sich nach dem Testen ganz individuell für “ihre” Tragehilfe.

Viv: Die richtige Wickeltechnik ist wichtig, um dem Baby gesundheitlich nicht zu schaden. Hast Du dafür eine Art Ausbildung oder Zertifikat?

Ivana: Es gibt viele Punkte beim gesunden Babytragen zu beachten. Die wichtigsten sind, dass das Kind gut gestützt in der korrekten Anhock-Spreiz-Haltung sitzt, genug frische Luft bekommt und das Köpfchen ausreichend gestützt ist. Meine Ausbildung habe ich bei der Trageschule Hamburg absolviert und nach erfolgreich bestandener Prüfung auch mein Zertifikat zur Trageberaterin bekommen.

Viv: Was sind die häufigsten Fragen oder Probleme Deiner Kundinnen in Sachen Tragehilfe?

Ivana: Die meisten Eltern haben wie oben schon erwähnt bereits eine Tragehilfe und finden diese nicht optimal, sind sich unsicher, ob das Baby gut drin sitzt oder doch evtl. noch zu klein dafür ist oder haben bereits Rückenbeschwerden, wollen aber weiterhin tragen und suchen nach Alternativen.

Bei den Tragetüchern dagegen ist es eigentlich immer das gleiche Problem: sie kommen mit dem langen Stoff entweder überhaupt nicht klar oder es sitzt alles so locker, dass es sich nicht richtig anfühlt und das Baby im Tuch versinkt.kollage1

Viv: Du bietest auch eine modische Beratung an. Wie muss man sich das vorstellen?

Ivana: Da das Babytragen in der Vergangenheit oft mit “Öko” assoziiert wurde und auch die meisten Tücher nicht sehr hübsch sondern eher nur praktisch waren, können sich viele Eltern mit dem Tragen ihres Babys in den klassischen gestreiften und oftmals auch farblich wenig ansprechenden Tüchern nicht vorstellen. Das Tragen kann aber durchaus auch chic und stylisch sein und wenn man ein Tuch ergattert, das einem richtig gut steht, macht es umso mehr Spaß. Es ist ein Accessoire, das man präsentiert und es ist einfach toll, wenn es perfekt zu einem passt.

Ich stelle den Eltern je nach Geschmack und auch Preisrahmen die Hersteller vor, die meiner Meinung nach am besten zu ihnen passen. Ebenso farblich gehe ich wenn erwünscht auf die Elterpaare ein und empfehle ihnen Tücher, die zu ihnen selbst am besten passen. Zudem kann man das Tragetuch mit passenden Trageketten und Stillketten “aufpimpen” oder mit Babymützchen oder Schühen aus dem gleichen Stoff kombinieren. Die einen mögen es eher bunt und knallig, andere wiederum greifen lieber zu grau/schwarz Tönen, die sie zu vielen Kleidungsstücken kombinieren können. Manche mögen Streifen, andere lieben Sterne oder sonstige Muster. Je nach Geschmack der Eltern empfehle ich, sofern erwünscht, aus meiner Erfahrung aus dem Modebereich, welche Farben und Muster ich mir gut an ihnen vorstellen kann.

Viele kennen nur die klassischen Hersteller wie Didymos und Hoppediz und sind dann von der doch so riesigen Auswahl an Tüchern zwar begeistert, jedoch auch oft überfordert und blicken zudem bei den wilden Preisen nicht durch. An der Stelle helfe ich, indem ich ihnen immer eine Liste mit den Herstellern und Links schicke, wo sie die Tücher am besten kaufen können. Ich lade sie in teils geschlossene Facebook Gruppen ein, in denen gebrauchte Tücher vertauscht oder verkauft oder auch verlost werden. Viele Modelle sind auch limitiert und sehr schwer zu bekommen. Als Laie kennt man obendrein den Marktwert nicht und weiß nicht, wie man am besten an diese Modelle rankommt ohne ein Vermögen auszugeben. Mit meinem großen Netzwerk unter den internationalen Tragemamas kann ich oft auch über Kontakte genau diese Tücher beschaffen oder den Eltern zumindest mit Informationen helfen, in welchen Foren oder Facebook Gruppen bestimmte Tücher zu bekommen sind.

Viv: Nehmen auch Papas Deine Beratung in Anspruch?

Ivana: Ja, in etwa der Hälfte meiner Beratungen nehmen auch die Väter teil. Auch wenn der Großteil eher zur Tragehilfe greift, gibt es durchaus auch Papas, die unbedingt das Tragen im Tuch lernen möchten. Wenn dann die Väter ihr Baby im Tuch oder Tragehilfe positioniert haben, sind sie meist so stolz und erfüllt und es macht wirklich Spaß zu sehen, dass das Thema nicht nur die Mamas interessiert. Zudem strahlen tragende Männer auf die Frauenwelt ohnehin etwas unbeschreiblich Attraktives aus, sodass viele spätestens wenn sie die ersten positiven Kommentare auf der Straße bekommen, eine große Freude am Tragen entwickeln.

Viv: Was ist Deiner Erfahrung nach der Renner unter den Tragehilfen?

Ivana: Wie gesagt ist es wirklich sehr individuell die richtige Tragehilfe für sich selbst und sein Kind zu wählen. Wie mit Schuhen passt eine Größe nicht jedem, der eben diese Größe trägt. Ähnlich verhält es sich auch mit den Tragehilfen. In den Beratungen machen aber die MySol, die Fräulein Hübsch sowie der Kokadi TaiTai meist das Rennen.

Viv: Wieviel kosten denn eine deiner Beratungen in etwa und kann man evtl. sogar einen Zuschuss von der Krankenkasse dafür bekommen?

Ivana: Die Kosten für die Beratung gestalten sich nach dem zeitlichen Aufwand und ich berechne pro beratende Stunde 30€. Zu bestimmten Anlässen oder auch saisonalbedingt, wie jetzt während der Sommermonate Juli und August, biete ich auch Aktionen mit 25€/Stunde an. Für eine Beratung sollten die Eltern mind. 1,5 bis 2 Stunden einplanen. Im Preis inkl. ist ein Tragetuch oder eine Tragehilfe, die ich für einen Zeitrum von bis zu zwei Wochen verleihe. Sofern die Termine nicht bei mir stattfinden, fallen ab einer Entfernung von 10km zudem Fahrtkosten in Höhe von 0,50€ pro gefahrenem Kilometer an. Für Trageberatungen gibt es i.d.R. keine Zuschüsse von den Krankenkassen. Dennoch kann man je nach Situation (z. B. bei Schreikindern, Behinderungen etc.) immer nachfragen, ob ein Teil der Kosten evtl. übernommen werden kann.

Viv: Hast Du abschließend vielleicht noch einen Tipp, was man mit den Tragetüchern machen kann, wenn die Kinder rausgewachsen sind?

Ivana: Da gewebte Tragetücher hohes Gewicht aushalten, können sie wunderbar auch als Hängematten verwendet werden. Zudem sind sie gerne als Decken auf dem Sofa oder im Bett im Einsatz und werden durch die häufige Benutzung weicher und kuscheliger. Wer Näherfahrung hat, kann aus Tragetüchern tolle Taschen oder Babyschuhe nähen, Geldbörsen, Kosmetiktaschen etc. Wer mit all dem nicht viel anfangen kann, kann die Tücher meist zu einem sehr guten Wiederverkaufswert auch einfach weiterverkaufen.

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